Boy George über Ängste, Menschlichkeit und das Streben nach Glück

Der Vorabend der Street Parade wirkt beinahe surreal. In der Gegend um den Zürcher Bürkliplatz ist es erstaunlich still. Hier im Hotel Baur Au Lac treffe ich Boy George, 80er Ikone und Poplegende, zum Interview.

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Im Vorzimmer warten der Fotograf und ich gebannt auf unseren Termin. Als wir den Raum betreten, bin ich überrascht: Anstatt auf einen Paradiesvogel treffe ich auf einen Gentleman in schwarz. Ungeschminkt, normal gekleidet, freundlich dasitzend. Ich werde mit einem «Hi, I like your outift» und einem warmen Lächeln begrüsst. Als ich die ersten Fragen stelle, merke ich: Boy George ohne Make-Up ist einfach nur George Alan O’Dowd.

In den 80ern warst du eine Ikone und noch heute bist du sehr berühmt. Wie erklärst du dir das?
Ich bin immer mich selber geblieben, auch wenn ich dumme Sachen gemacht habe. Vielleicht mögen dass die Leute. Menschlich zu sein, ist etwas ganz Wichtiges. Ich finde die Leute seltsam, die mich nicht mögen. Zur Hölle, die kennen mich ja nicht Mal!

Hast du Angst vor dem Aussergewöhnlichen?
Ich finde nicht, dass ich so seltsam bin. Ich laufe zwar mit Make-Up rum aber als Mensch bin ich doch wie jeder andere. Wenn du mich kennenlernen würdest, wärst du überrascht, wie unkompliziert ich eigentlich bin.

Du bist berühmt für dein Styling. Wie ziehen sich die Leute heutzutage an?
Es gibt immer eine neue Generation, die sich verrückt anzieht. In London zum Beispiel gibt es viele Kids, die dasselbe, was wir vor 30 Jahren gemacht haben, heute wieder tragen – einfach auf ihre Art. Wenn du jetzt 14 Jahre alt bist und eine Person wie Lady Gaga anschaust, findest du das total revolutionär.

Was hältst du eigentlich von ihr?
Ich hab David Bowie gesehen, als ich zwölf Jahre alt war. Und wenn du Ziggy Stardust erlebt hast, ist es schwierig, von jemandem beeindruckt zu sein. Aber ich finde, dass Lady Gaga eine tolle Stimme hat. Sie sollte unbedingt ein akustisches Album herausbringen.

Du bist von der Schule geflogen. Warum?
Ich war ein schlimmer Schüler. Nachdem ich gelernt habe, zu lesen und schreiben, wars das für mich. Ich wollte lieber Musik hören und Bilder malen. Heute hingegen finde ich das Lernen von neuen Sachen sehr aufregend. Eigentlich sollte ich jetzt zur Schule gehen.

Wieso bist du erst jetzt an der Street Parade?
Niemand hat mich bis jetzt eingeladen! Manchmal stimmt das Timing nicht, aber dieses Jahr hat sich glücklicherweise alles gefügt und jetzt bin ich hier und freue mich sehr. Eigentlich werde ich schon langsam nervös.

Zu Recht. Es wird riesig!
Hach weisst, du ich bin keine «Size Queen». Das Wichtigste für mich ist die Energie. Und es ist einfacher, für viele Leute zu spielen als für wenige. Bei einer solchen Menge bist du ein Teil vom Ganzen.

Morgen um 13 Uhr gehts los.
Ich werde früh aufstehen und mich vorbereiten. Dafür ist meine Visagistin mit mir hier. Ich könnte das auch alleine machen, aber ich bin zu faul. Die Kleider wähle ich mir hingegen selber aus. Ich bin etwas altmodisch. Für morgen werde ich einen netten Anzug, einen hübschen Hut und tonnenweise Make-Up tragen.

Was machst du nach der Parade?
Am Sonntag sind wir in Monaco. Dort treffen wir Prinz Albert. Ok, das war jetzt gelogen. Aber ich habe ihn mal gesehen und natürlich seine Hochzeit am TV mitverfolgt.

Du hast eine bewegte Lebensgeschichte. Das hört man auch in deinen Liedern.
Natürlich schreibe ich über meine persönlichen Erfahrungen. Ich bin nicht der Typ, der «Put your hands in the air» schreit oder über Partys in Clubs redet. Es ist für mich wichtiger, eine emotionale Verbindung zu den Leuten herzustellen.

Deine Musikrichtung hat sich indes sehr verändert.
In den 80ern hatte ich eine grossartige Karriere und viel Erfolg. Als Culture Club vorbei war, war ich etwas verloren. Dann kam der Acid House, den ich damals aufregender als Popmusik fand. Ich habe mich in dieser Musikrichtung zuhause gefühlt.

Was ist das härteste daran, berühmt zu sein?
Keine Ahnung!

Oder ist es gar nicht hart?
Wenn du jung bist, schon. Wenn du im Rampenlicht stehst, hängt alles, was du machst, von der Bestätigung anderer ab. Das macht die Dinge kompliziert. Wenn du aber Glück hast, erreichst du den Moment, wo du das durchleuchtest. Als ich jung war, habe ich alles für selbstverständlich gehalten. Jetzt kann ich sagen, dass ich das machen kann, was ich liebe. Wie viele Leute können das schon von sich behaupten?

Wärs nicht einfacher gewesen, der Junge von nebenan zu sein?
Auch der Junge von nebenan hat Probleme. Mensch zu sein ist schwierig! Das Leben ist hart, bis du eine Perspektive hast. Aber es braucht Zeit und Erfahrung, bis du weisst, was dir wichtig ist. Ich habe die Dramen von früher hinter mir. Damals hatte ich keinen Ausschaltknopf, alles hat mich sofort in den Wahnsinn getrieben, jeder Tag war wie ein Überlebenstraining. Aber jetzt liebe ich, was ich mache; ich habe tolle Freunde und eine tolle Familie.

Wie ist das Verhältnis zu deiner Familie?
Mein Vater ist tot, aber meine Mutter lebt noch. Wir sind eine grosse Familie, ich habe vier Geschwister. Wenn du älter wirst, merkst du, wie wichtig deine Familie ist.

Wie lange möchtest du im Showbiz bleiben?
Ach… das Geschäft mit der Show. Das ist halt das, was ich mache. Ich wüsste nicht, was sonst. Ich fühle mich jedoch nicht als Teil des Showbiz, ich bin ein Arbeiter. Wenn mich Leute einen Promi nennen, finde ich das immer etwas schräg. Für mich sind Promis Leute, die nichts tun. Es reicht, mit einer teuren Handtasche rumzulaufen. Ich hingegen arbeite wirklich hart. Ich kann showbizzy sein. Aber das ist nicht, das was mich begeistert.

Also machst du das auch noch, wenn du alt bist?
Ich bin alt! Ich bin 50!

Jetzt klingst du aber genau wie ein Promi.
50 Jahre sind schon ein Meilenstein. Ich möchte einfach glücklich sein, wenn ich alt bin.

Und heiraten?
Nein, das ist nichts für mich. Toll, wenn das Leute machen, aber ich möchte niemanden heiraten. Für mich ist das manchmal auch ein Versuch der Schwulen, normal zu sein. Dass ich schwul bin, macht mich aber weder speziell, noch wichtig. Wenn Schwule heiraten wollten, sollten sie aber das Recht haben. Heteros sind eigentlich klasse, sie produzieren schliesslich Homos! Es fasziniert mich aber, dass es immer noch homophobe Leute gibt. Wieso kümmert es die, was ich in meinem Bett mache?

An der Street Parade nehmen viele Leute Drogen. Du hast auch Erfahrungen damit.
Die Leute entfliehen gerne der Realität. Einige geben das Geld aus, dass sie nicht haben, andere essen zu viel oder lesen haufenweise Magazine und Bücher. Ein paar Leute entfliehen der Realität aber auf eine zerstörerische Art, als andere. Ich bin jetzt drei Jahre und sieben Monate trocken und clean. Und weisst du was? Ich vermisse den Scheiss kein Bisschen. Wenn ich jetzt an eine Party gehe, kann ich mich an alles erinnern. Aber die Realität ist manchmal schwierig.

Hast du darum Drogen genommen?
Da gibt es nicht einfach einen simplen Grund. Wenn es den gäbe, wäre es einfach, aufzuhören. Jeder hat seine Gründe. Zusammenfassend kann man  sagen, dass diese Leute nicht hier sein wollten. Für mich ist es aber sehr wichtig geworden, in meinem Leben anwesend zu sein. Ich liebe mein Leben und es ist etwas ganz tolles, dabei zu sein. Jeder Süchtige sollte versuchen, clean zu werden. Es gibt einen Ausweg. Und das Leben ist wundervoll.

Nach dem Interview: Eigentlich wollten wir noch Bilder machen, aber Boy George war ungeschminkt. Also konnten wir am Street Parade-Samstag nochmals ins Hotel. Ich freute mich darauf, den freundlichen Herrn wiederzusehen. Und treffe auf eine Diva im extravaganten Anzug und mit kiloweise Make-Up. Als ich ihn gestern getroffen habe, war er zugänglich und herzlich. Jetzt ist er Boy George. Posiert für die Kamera und sagt mir, dass er mein Krönchen und Glitzerkleidchen mag. Kurz darauf steigt er ins Auto zur Parade und lässt mich nachdenklich zurück.

(Erstmals publiziert auf 20minuten.ch und tilllate.com, August 2012. Bild: Marco Andreoli für tilllate.com)

About the author

Anne-Sophie Keller

Schweizer Journalistin.

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