Carla Del Ponte: «Mein Golf-Handicap ist nicht unter 20 – daran ist Syrien schuld»

Als Uno-Chefanklägerin machte sie acht Jahre lang Jagd auf Kriegsverbrecher. Seit September 2012 untersucht sie Menschenrechtsverletzungen in Syrien. Carla Del Ponte über den Kampf gegen einen hoffnungslosen Krieg und ihr Engagement für mehr Menschlichkeit.

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Carla Del Ponte, am 15. Oktober haben Sie den von der Tertianum-Stiftung verliehenen Preis für Menschenwürde erhalten. Was machen Sie mit den 10 000 Franken Preisgeld?
Das Geld verwende ich für ein Schulprojekt in der libanesischen Bekaa-Ebene, wo die ärmsten Flüchtlinge aus Syrien leben. Man darf nie vergessen: In Syrien wächst eine verlorene Generation heran. Der Preis ist eine besondere Ehre, weil es die erste Auszeichnung ist, die ich in der Schweiz erhalten habe. Der Prophet gilt nichts im eigenen Land. Der Anlass bot mir zudem die Gelegenheit, über Syrien zu sprechen.

Die Uno hat zum vierten Mal Ihr Syrien-Mandat verlängert. Was nützt Ihre Arbeit der syrischen Bevölkerung?
Seit September 2012 untersuche ich als Mitglied der unabhängigen Syrien-Kommission der Uno Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen im syrischen Bürgerkrieg. Die Kommission schreibt alle sechs Monate einen Bericht zuhanden des UN-Menschenrechtsrats und des UN-Sicherheitsrats. Normalerweise interveniert der Sicherheitsrat nach dem ersten Bericht. Doch hier ist er blockiert, denn Russland hat das Veto eingelegt und einen Resolutionsentwurf zur Zuweisung des Falls an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag verweigert. Wir waren sogar vor dem Sicherheitsrat und der Generalversammlung in New York. Ich habe alle meine Beziehungen genutzt. Doch es geschieht nichts. 2012 sagte die Schweizer Regierung, mein Mandat würde sechs Monate dauern – nun sind wir im vierten Jahr.

Ist der Konflikt in Syrien überhaupt lösbar?
Jeder Konflikt ist lösbar. Die Frage ist bloss, wann. Der Flüchtlingsstrom nach Europa erhöht den Druck, einen schnelleren Weg in Richtung Frieden zu finden. Ich persönlich finde es gut, dass Russland interveniert und mit militärischen Aktionen gegen terroristische Gruppen wie den Islamischen Staat (IS) oder die Al-Nusra-Front vorgeht. Es ist jetzt besonders wichtig, dass Russland mit den USA ein Abkommen darüber schliesst, wie der Krieg gegen den IS durchgeführt werden soll. Wenn die terroristischen Gruppen vernichtet sind, wird es einfacher sein, eine politische Lösung zu finden. Um Frieden zu erzielen, muss man sich mit dem institutionellen Präsidenten zusammensetzen – in diesem Fall mit Assad. Doch die USA wollen nicht mit ihm verhandeln. Und mit terroristischen Gruppen kann man erst recht nicht verhandeln. Also geht der Krieg weiter und fordert Tausende von Menschenleben. Bis jetzt gibt es über 200 000 Tote und 11 Millionen Vertriebene.

Einige halten Assad für das kleinere Übel als die Söldner des IS.
Assad steht derzeit nicht mehr im Mittelpunkt. Was der IS macht, ist strafrechtlich gesehen schlimmer. Doch auch Präsident Assad muss «kriminelle Verantwortung» übernehmen.

Was kann die Schweiz in diesem Konflikt tun?
Direkten Einfluss kann sie natürlich nicht ausüben, dafür ist sie zu klein. Aber sie hat die nötigen Ressourcen und das nötige Wissen, um Hilfe im humanitären Bereich leisten zu können.

Eigentlich wären Sie pensioniert. Was treibt Sie an?
Wir machen etwas Wichtiges. Wir haben eine grosse Datenbank mit Beweisen und arbeiten weiter in der Hoffnung, dass diese Arbeit irgendwann zu mehr Gerechtigkeit führen wird. Ich muss das tun. Ich bin die Einzige in der Kommission, die Erfahrung im Ermitteln hat. Die anderen sind Professoren. Zudem stehen 14 Personen zur Verfügung, die wir für Ermittlungen in die Nachbarländer schicken können. Solange ich dabei bin, weiss ich, dass die Kommission gute Arbeit leistet.

Wie ermitteln Sie? Sie reisen ja nicht persönlich nach Syrien.
Wichtig sind Befragungen von Flüchtlingen. Wir reisen in die Nachbarländer und versuchen, so viele objektive Zeugeneinver-nahmen wie möglich durchzuführen, um Beweise zu sammeln. Via Skype und Telefon stehen wir in Kontakt mit Zeugen in Syrien. Ausserdem erhalten wir Dokumentationen von verschiedenen Staaten oder stützen uns auf Informationen von Nichtregierungsorganisationen.

1999 wurden Sie Uno-Chefanklägerin. Wie war das damals?
Für unsere Aussenpolitik war eine Schweizer Kandidatur gut. Ruth Dreifuss, die damalige Bundespräsidentin, und Uno-Generalsekretär Kofi Annan wollten unbedingt, dass ich den Posten annehme. Ich jedoch wollte zuerst einen wichtigen Prozess abschliessen. Natürlich musste ich schliesslich zusagen und den Fall abgeben.

Als Chefanklägerin waren Sie unter anderem für das ehemalige Jugoslawien zuständig. Radovan Karadžić und Ratko Mladić konnten Sie nicht festnehmen; Slobodan Milošević starb während des Prozesses. Schmerzen Sie diese Niederlagen heute noch?
Nein. Natürlich war ich anfangs wütend. Aber an solchen Dingen darf man sich nicht aufhängen – man muss sich an guten Dingen festhalten. Zudem stehen Karadžić und Mladić mittlerweile vor Gericht und werden ohne Zweifel zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt.

Nach Ihrer Zeit in Den Haag waren Sie Botschafterin in Argentinien. Sie gelten jedoch als kompromisslos − keine optimale Voraussetzung für einen Posten in der Diplomatie.
Ich bin ehrlich und sage immer die Wahrheit. Das war schon immer so. Als Botschafterin habe ich gelernt, diplomatisch zu sein. Und ich hatte einen guten Stellvertreter, der sich um den Papierkram kümmerte. Bei der Kommunikation mit Bern war schon ein Komma zu viel oder zu wenig ein Thema – dafür hätte ich keine Energie gehabt. Seit sieben Jahren war man damit beschäftigt, über Rechtshilfe in Strafsachen zwischen der Schweiz und Argentinien zu verhandeln – ich habe den Vertrag innert weniger Monate durchgepeitscht. Das war mein Fachgebiet.

War Ihnen die Arbeit dort nicht zu langweilig?
Nein, ich konnte viele spannende Arbeiten erledigen. Zudem stand ich in engem Kontakt mit der Präsidentin von Argentinien, ich arbeitete mit den dortigen Staatsanwälten zusammen oder hielt Vorträge an Universitäten. Und an freien Wochenenden spielte ich fleissig Golf.

Ihr Handicap soll noch immer nicht unter 20 sein.
Nein, daran ist Syrien schuld! Ich wäre schon längst unter 20, wenn ich mehr Zeit hätte.

Nebst dem Golfsport mögen Sie auch Bridge, ausserdem schnelle Autos, Schmuck und teure Handtaschen: Haben Sie überhaupt genug Zeit, um all diese Dinge geniessen zu können?
Jetzt, da ich eigentlich pensioniert bin, schon eher. Aber ich halte nebenbei immer noch einige Vorträge. Meinem Agenten habe ich gesagt: Noch das nächste Jahr, dann basta. Ich möchte einen Roman schreiben, einen Krimi.

Haben Sie schon damit angefangen?
Das Golfen, meine Enkelkinder und Syrien halten mich auf Trab. Aber ich habe bereits einen Titel für das Buch und viele Ideen; ich habe ja Erfahrung mit Kriminalität. Die Geschichte wird in der Schweiz spielen und natürlich auch auf internationalem Parkett. Mal schauen, ob ich Zeit dafür finde.

Apropos Schauplatz Schweiz: Solange bei der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative keine Lösung in Sicht ist, bleiben auch andere Dossiers liegen. Nun soll Jacques de Watteville als EU-Chefunterhändler der Schweiz in Brüssel die Verhandlungen koordinieren. Was halten Sie davon?
Als Chefanklägerin des Internationalen Gerichtshofs ging ich oft nach Brüssel. Dort gibt es eine grosse europäische Karte mit einem winzig kleinen, weissen Punkt … Die Schweiz muss sich entscheiden, ob sie draussen bleiben will oder nicht. Wir können nicht bloss die Vorteile geniessen. Früher oder später muss die Schweiz der EU beitreten. Wir müssen mitreden. Aber ja, ich bin eine Schweizerin im Ausland, und die Situation ist sehr verzwickt.

Stichwort verzwickt: Hatten Sie nie Interesse, der Fifa auf die Finger zu schauen?
Wissen Sie, vor zwei oder drei Jahren fragten mich die Amerikaner, ob ich der Fifa-Kommission beitreten wolle. Sie sagten, sie bräuchten mich. Ich sagte Ja, aber es kam dann doch nicht so weit. Mittlerweile verstehe ich, warum … Umso wichtiger ist es, dass die Bundesanwaltschaft in dem Fall nun ermittelt.

Als Sie gegen die Mafia ermittelten, standen Sie unter ständiger Lebensgefahr. Wie gingen Sie damit um?
Nun, das ist kein Zustand, der von heute auf morgen eintritt. Man kann sich anpassen. Natürlich brauchen wir Sicherheitsleute. Doch ich habe immerhin das 68. Lebensjahr erreicht – bis jetzt habe ich alles überlebt. Also machen wir weiter! Ich bin Fatalistin: Wenn ich eines Tages durch ein Attentat sterbe, dann soll es um Gottes Willen so ein. Wenn es nicht passiert, umso besser.

1989 entgingen Sie im Ferienhaus auf Sizilien nur knapp einem Sprengstoffanschlag.
Ja, ich erinnere mich noch genau. Zuerst denkt man natürlich ans Aufhören. Drei Jahre später wurde mein Freund, der italienische Richter Giovanni Falcone, getötet. Wenn so etwas geschieht, hat man Angst und denkt: basta! Aber mit der Zeit wägt man Pro und Kontra ab und entscheidet sich anders. Jemand musste die Arbeit ja fortsetzen.

Ihrem Vater wäre es lieber gewesen, Sie hätten geheiratet und ihn keine Studiengelder gekostet. War das Jurastudium eine Trotzreaktion?
Er hatte schon drei Söhne, die an der Universität studierten. Er verstand nicht, warum ich auch noch studieren wollte, wenn ich später doch ohnehin heiraten und die Arbeit aufgeben würde. Zuerst wollte ich Medizin studieren, doch das hätte 8 Jahre gedauert. Also habe ich mich für Recht entschieden, da dieses Studium nur 4 Jahre dauert. Es war sozusagen ein Kompromiss. Mein Vater war später natürlich stolz auf mich. Gesagt hat er es allerdings nie.

In Ihrem Buch «Im Namen der Anklage» beschreiben Sie Ihre Mutter als selbstbewusste Frau mit einem freien Geist. Sie betreute Ihren Sohn wochentags. Inwiefern hat Sie das beeinflusst?
Meine Mutter hat mich enorm geprägt. Sie sagte, dass man, wenn man im Recht sei, dieses verteidigen müsse. Und dass man Kraft habe, solange man der Wahrheit treu bleibe. Sie hatte einen starken Charakter – wie alle in unserer Familie.

Sie sagen, Ruanda hätte Ihr Vertrauen in die Menschheit erschüttert.
Ich besuchte dort die Ntarama-Kirche, wo am 15. April 1994 rund 5000 Zivilisten getötet worden waren. Heute ist es eine Grabstätte voller Knochen. Bei meinem Besuch war dort kein Leben mehr. Als ich die Massengräber sah, begann ich innerlich bereits mit der Arbeit. In Gesprächen mit Angehörigen der Opfer oder mit Überlebenden spürt man jedoch, welches Leid diesen Menschen widerfahren war. Das lässt keinen kalt. Auch die Frauen von Srebrenica werde ich nie vergessen. Eine Frau erzählte mir, dass sie vor ihren drei Kindern vergewaltigt worden war und anschliessend zusehen musste, als diese getötet wurden. Das immense Leid dieser Mutter und wie sie weiterleben kann, kann man sich nur schwer vorstellen. Darum müssen Kriegsverbrecher verurteilt werden – als Genugtuung für die Opfer.

Sie haben Grausames gesehen. Hat das Ihren Glauben verändert?
Meinen Glauben und meine Arbeit habe ich immer getrennt. Glauben ist kompliziert genug.

(Erschienen im Migros-Magazin, Oktober 2015. Das Interview führten Anne-Sophie Keller und Reto Wild. Bilder: Gian-Marco Castelberg)

About the author

Anne-Sophie Keller

Schweizer Journalistin.

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