René Groebli ist einer der wichtigsten Schweizer Fotografen. Die Aufnahmen von seiner Frau Rita machten den «Vollblutromantiker», wie er sich selber bezeichnet, weltbekannt. Nun erschien ein Bildband mit frühen Werken des Visionärs.

René Groebli (87) ist einer, der die Welt gesehen hat. Seine Reportagen führten den Zürcher Fotografen zum ersten Kaiser von Äthiopien, zu palästinensischen Flüchtlingsunterkünften in Jordanien und ins Bett von wohl so manch schöner Frau. Zurückgekehrt ist er aber immer – in die Schweiz, wo er am 9. Oktober 1927 als Sohn eines Prokuristen zur Welt kam, und in die Arme der Liebe seines Lebens, Rita. Seine Werke wurden von Toulouse bis Tarazona, von New York bis Berlin und von der Hippiestadt San Francisco bis in die Stadt der Liebe gezeigt. In der Darstellung von Bewegung durch Unschärfe, die unter anderem in den Bildbänden «Magie der Schiene» zu sehen ist, war er ein Pionier. Seine bahnbrechenden Techniken der Farbfotografie erlangten internationale Beachtung, er wurde «Master of Color» genannt.
René Groebli lebt in Zürich Wollishofen. Betritt man sein Reich, steigt man zuerst durch einen ebenerdigen Türrahmen, es folgt ein schmaler Gang zur Terrasse, links eine Treppe nach unten, sonst nichts. «Hier unten! Willkommen, willkommen!», ruft Groebli.
In seinem Reich
Die Decke des Tiefparterres ist mit dunklen Platten ausgekleidet, auf den Regalen stapelt sich Fach- über Weltliteratur, dunkle Ledersessel laden zum Verweilen ein, die selbst gebaute Küche ist detailverliebt eingerichtet. Hier stehen alte Lampen, dort Relikte aus anderen Kulturen, dazwischen goldene Figuren, frische Blumen, Teekannen aus Zinn, glitzernde Kristallkaraffen. Über dem Esstisch scheint helles Tageslicht herein, es beleuchtet die Hortensien, die vor dem Fenster blühen. Und mittendrin steht René Groebli: violettes Hemd, violette Brille, violette Uhr, farbige Turnschuhe und grasgrüne Hosen. Seine weissen Locken und die blauen Augen leuchten im Licht. «Ich war früher mal der Master of Color der Fotografie, heute mache ich das mit meiner Kleidung», sagt er.
René Groebli war 18 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Damals machte er mit einer zweiäugigen Rollei seine allerersten Aufnahmen, und zwar vom morgendlichen Nebel über der Limmat. An seiner Konfirmation verkündete er vor seiner Familie, dass er die Schule verlassen und zum Film gehen oder Fotograf werden möchte. «Der Vater war natürlich völlig dagegen. Der Grossvater beschloss dann, die Mamma solle mit dem Bub mal in die Berufsberatung.» Dort habe man gesagt, der Träumer solle keinen Tag länger in die Kantonsschule. Doch Hans Finslers Fachklasse für Fotografie an der Zürcher Kunstgewerbeschule (der heutigen Zürcher Hochschule der Künste) sei nicht sein Ding gewesen, sagt Groebli. «Die neue Sachlichkeit war nicht meine Art. Ich war ein Vollblutromantiker. Bewegung, Stimmung, Emotionen – das hat mich interessiert.»