Der Kleine Unterschied: 40 Jahre später

Vor 40 Jahren veröffentlichte Alice Schwarzer ihr Buch «Der kleine Unterschied und seine grossen Folgen». Es war der Beginn einer Befreiung. Doch wo steht der Feminismus heute? Eine Bestandesaufnahme mit zehn Schweizer Wegbereiterinnen. 

41MDMFE915L._SX274_BO1,204,203,200_1975 war ein entscheidendes Jahr der Schweizerischen Frauenbewegung. Im Januar wurde am Nationalen Frauenkongress in Bern beschlossen, die Initiative für die Fristenlösung beim Schwangerschaftsabbruch zu unterstützen und die Gleichberechtigungsinitiative zu lancieren. Im März und Oktober protestierten tausende Frauen in Bern und Zürich gegen die Untätigkeit des Nationalrates in Sachen Schwangerschaftsabbruch. Im August veröffentlichte die deutsche Autorin Alice Schwarzer ihr Buch «Der kleine Unterschied und seine grossen Folgen» und löste eine landesweite Grundsatzdiskussion über die Unterdrückung der Frau aus. Seither ist einiges passiert: Elisabeth Kopp schaffte es 1984 als erste Schweizer Frau in den Bundesrat und im Juni 1991 streikte eine halbe Million Schweizerinnen für gleiche Rechte von Mann und Frau. Das Gleichstellungsgesetz trat 1996 trat in Kraft und 2002 nahm das Stimmvolk auch die Fristenregelung an. Zum 40-jährigen Jubiläum des «Kleinen Unterschieds» schauen zehn prominente Schweizer Frauen zurück – und nach vorne.

Elisabeth Kopp (78) wurde 1984 zur ersten Schweizer Bundesrätin gewählt

Elisabeth Kopp (78) Ich habe den «Kleinen Unterschied» vor vielen Jahren gelesen. Es hat mir einen sehr kämpferischen Eindruck hinterlassen. Das war zu dieser Zeit nötig. Es hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr viel zum positiven Verändert in Bezug auf Gleichberechtigung. Das neue Eherecht ist ein wichtiger Punkt. Früher war der Mann das Oberhaupt der Familie und die Frau brauchte sein Einverständnis, wenn sie berufstätig werden wollte. Ich habe diese Vorlage zu dieser Zeit vertreten. Mein Mann hätte mir damals sagen können, er sei nicht einverstanden, dass ich meinen Beruf ausübe. Diese Ungeheuerlichkeit wurde zum Glück beseitigt. Ich werde im Herbst nach Qualifikationen wählen. Wenn ein Mann und eine Frau aber dieselben Qualifikationen haben, gebe ich ihr den Vorzug. Ob ich mich als Zugpferd der Frauenbewegung sehe? Das kann ich so nicht sagen. Aber ich wollte in meinem Amt ganz bestimmt auch zeigen, dass Frauen das Amt in der Landesregierung psychisch und physisch aushalten.

Larissa Bieler (38) ist Chefredaktorin des «Bündner Tagblatts» und ab 2016 Chefredaktorin der Newsplattform swissinfo.ch

Larissa Bieler (38) Als ich 14 Jahre alt war, habe ich die ‹Emma› abonniert. Ich ging damals an die Klosterschule in Disentis GR, und dies war meine erste Auseinandersetzung mit der Feminismusdebatte. Die ‹Emma› war eine Provokation, aber es herrschte ein anderer Diskurs im Vergleich zu heute. Über Alice Schwarzer und Co. wurde damals weniger verachtend, weniger zynisch debattiert. Auch wurden nicht gleich alle als Männerhasserinnen abgestempelt. Heute sagt man, Feminismus sei langweilig, er schaffe sich selber ab und wolle Frauen bevorteilen. Es geht jedoch um Gleichberechtigung. Männer, die sich dort angeschossen fühlen, nehmen sich zu wichtig. Ich bin eine klare Befürworterin der Quote. Ich habe auch in meiner Arbeit viele unqualifizierte Männer kennengelernt und bin überzeugt: Es gibt viele Frauen, die das besser gekonnt hätten. Es ist zudem enttäuschend, wie viele Medien sexistische Rollenbilder derart verantwortungslos zementieren. Es gibt immer noch Journalistinnen und Journalisten, die nicht verstehen, warum es wichtig ist, auch die weibliche Form zu benutzen. Bei Swissinfo.ch werde ich mit vielen Kulturen konfrontiert sein, wo Frauenbilder anders sind. Das wird eine Herausforderung. Auch in der Schweiz ist man immer wieder mit unterschwelliger, subtiler Diskriminierung konfrontiert. Aber: Veränderung braucht Zeit.

Vania Alleva (45) ist seit dem 20. Juni 2015 die alleinige Präsidentin der Unia

Vania Alleva (45) Obwohl sich in den letzten Jahrzehnten viel verändert hat, sind auch die Schweizer Gesellschaftsstrukturen noch sehr patriarchalisch geprägt. Ich verstehe meine Arbeit in der Unia als Beitrag zu einem Wandel Richtung Gleichberechtigung. Dass ich als Frau zur Präsidentin einer ehemals männerdominierten Organisation gewählt worden bin, ist schon Ausdruck dieses Wandels.
Themen wie Lohngleichheit sind extrem wichtig. Es gibt immer noch eine Differenz von rund 20 Prozent – obschon die Lohngleichheit in der Verfassung verankert ist. Freiwilligkeit allein reicht hier nicht. Zudem braucht es auch Quoten. Leider reichen bei Frauen ausgezeichnete Qualitäten oft nicht aus, um weiterzukommen. Doch gemischte Teams sind erfolgreichere Teams.

Michèle Binswanger (43) ist Mitgründerin des Mamablogs und Co-Autorin des Buches «Machomamas»

Michèle Binswanger (43) In den letzten 40 Jahren ist punkto Gleichstellung viel passiert. Viele Frauen machen gute Ausbildungen, wollen finanzielle Unabhängigkeit und tolle Jobs. Nur was die Familie und die Mutterrolle anbelangt, da bewegen sich die Dinge etwas langsamer. Als Nicole Althaus und ich mit dem Mamablog anfingen, haben sich unzählige Frauen jeden Alters mit ihren Geschichten gemeldet. Es gibt immer noch viel Unsicherheit, ob es wirklich okay ist, nicht alles für die Kinder zu geben und auch etwas in den Beruf zu investieren. Das Resultat sehe ich bei der Frauengruppe des «Tages-Anzeigers», die den Anteil der Frauen in Führungspositionen erhöhen möchte. Es ist gar nicht einfach, diese Frauen zu finden, weil viele für die Mutterschaft alles aufgeben und die Finanzen dem Partner überlassen. Hier ist noch viel Aufbauarbeit nötig.

Anita Fetz (58) ist SP-Ständerätin des Kantons Basel-Stadt und frühere Aktivistin

Anita Fetz (58) Ich war 14 Jahre alt, als in der Schweiz das Frauenstimmrecht eingeführt wurde. Ab da habe ich erst begriffen, was Frauen alles nicht dürfen, und mich der Frauenbewegung angeschlossen. Abtreibung war verboten, also haben wir eine Beratungsstelle organisiert. Häusliche Gewalt war verbreitet, also haben wir ein Nottelefon gegründet. Und ein Haus für geschlagene Frauen. Wenn ich heute auf all das zurück schaue, bin ich stolz. Ich war Teil der ersten Generation, die von der Gleichberechtigung profitiert hat. Ich konnte studieren, mein Leben selber bestimmen, eine Firma gründen, Politik machen, Gesetze verbessern und vieles mehr. Wenn früher jemand in Basel sexistische Werbung raushing, haben wir nicht gejammert, sondern etwas unternommen. Da machten ein paar Frauen ein paar Telefone, und in der nächsten Nacht war dieses Plakat irgendwie bearbeitet. Wir waren Tausende, wenn es drauf ankam. Das machte Spass, und hat uns gestärkt. Wir haben uns auch nicht gross darum gekümmert, was die Medien schreiben. Die jüngere Generation macht vieles mit – zum Beispiel all diese Schönheitsideale. Wo bleibt der Ärger der jungen Frauen? Meine Generation hat eine gute Basis für die Gleichstellung gelegt. Den Rest muss die neue Generation schon selber machen. Meine Unterstützung hat sie.

Margrit Sprecher hat 1983 bei der Weltwoche ein Frauen-Ressort, das heutige Gesellschaftsressort, aufgebaut

Margrit Sprecher Ich habe längst die Übersicht über die vielen Feminismus-Varianten verloren. Die eine kämpft gegen Kleidervorschriften, die andere für Kitas, die dritte für die Karriere. Wichtig ist die längst fällige Durchsetzung der Lohngleichheit. Den Rest muss sich, so hat sich leider gezeigt, jede Frau selbst erkämpfen. Alice Schwarzer bewundere ich als brillante Kollegin. Ihr Charme und ihre Verletzlichkeit überraschen mich immer wieder.

Pia Horlacher (65) war SRF- und NZZ-Redaktorin und ist Mitglied des Presserats

Pia Horlacher (65) Ich wurde in der Frauenbewegung der 1970er politisiert und habe in der Beratungsstelle Infra mitgearbeitet. Wir haben damals Alice Schwarzer zu uns eingeladen – eine eindrückliche Begegnung. Mittlerweile haben Frauen in der westlichen Gesellschaft viel erreicht. Allerdings stelle ich einen gewissen Rückschritt fest, was die sexualisierten Frauenbilder in der Jugendkultur und den Boulevardmedien anbelangt. Solch reaktionäre Rollenbilder von Topmodel, Schlampe, Boxenluder etc. scheinen Mädchen und junge Frauen erstaunlich widerspruchslos hinzunehmen. Ohnehin lassen wir in den Medien noch viel Sexismus zu, während man in andern Bereichen wie Rassismus, Homophobie oder Religionsfreiheit weit vorsichtiger ist.
Alice Schwarzer ist ein journalistischer Glücksfall. Sie bringt sich unermüdlich in den öffentlichen Diskurs ein. So hat sie zum Beispiel schon vor Jahrzehnten vor einem Kulturrelativismus gewarnt, der blind ist für die Frauenunterdrückung gleich neben uns, in den tief patriarchalischen Parallelgesellschaften vieler westlicher Grossstädte. Dass wir hier und heute mit Themen wie Schleierzwang, Zwangsehen, Ehrenmorden oder Genitalverstümmelungen konfrontiert sind, hätten wir uns vor vierzig Jahren nicht vorstellen können.

Eveline Saupper (57) ist die wichtigste Schweizer Verwaltungsrätin (Georg Fischer, Syngenta, Baloise, Zürich Flughafen)

Eveline Saupper (57) Ich bin der Meinung, dass man heute in der Schweiz die gleichen Möglichkeiten erhält, solange man liefert. Ich gebe aber zu, dass das in der Vergangenheit anders war. Damals hatte man als Frau aus gesellschaftlichen Gründen oft keine Chance.
Von alleine geschieht auch heute nichts. Frauen müssen ihren Teil dazu beitragen. So ist der Aufbau eines Netzwerks enorm wichtig. Das haben viele Frauen noch nicht begriffen. Genialität reicht nicht. Die Leute müssen erfahren, dass man etwas kann

Esther Girsberger (54) ist Zentralpräsidentin vom «Forum elle», der Frauenorganisation der Migros

Esther Girsberger (54) Wäre die soziale, ökonomische und rechtliche Diskriminierung immer noch so gross wie Ende des 19. Jahrhunderts, wäre es um die Gleichstellung schlecht bestellt. Ich bin dankbar, dass sich heute Schweizer Frauen aller Couleurs und (fast) aller politischen Parteien laut und deutlich für die Sache der Frau stark machen. Am dankbarsten bin ich den Frauen, denen man es wegen ihrer Zugehörigkeit zum bürgerlichen Lager nicht zutraut. Sie werden nämlich am ehesten von denen gehört, die es auch hören müssen. Allen voran von bürgerlichen Männern, die zum Beispiel noch skeptisch sind gegenüber familienfreundlichen Arbeitszeitmodellen. Im Unterschied zu früher ist die Genderfrage heute kein reines Kampffeld mehr.

Sylvie Durrer (55) ist die Vorsteherin des Eidgenössischen Gleichstellungsbüros

Sylvie Durrer (55) Frauen wie Alice Schwarzer und Simone de Beauvoir sind wichtige Personen, die eine wichtige Diskussion ausgelöst haben. In den letzten Dekaden hat sich in der Schweiz vieles zum Positiven verändert. Das Gleichstellungsgesetz von 1996 war ein Meilenstein für die Schweiz. Das bedeutet aber nicht, dass sich die Mentalitäten geändert hätten. Da gibt es noch viel Arbeit zu tun. Frauen sind im Gesundheits- oder Bildungswesen oder auch in der Sozialarbeit übervertreten. Dagegen sieht man wenige Frauen in technischen Branchen. Und für Männer ist es schwierig, in Pflegeberufe reinzukommen. Es ist wichtig, dass Frauen und Männer einen Beruf ausüben, der ihren Interessen und ihren Fähigkeiten entspricht – und nicht weil es für ihr Geschlecht normal ist. Ich habe grosses Vertrauen in die Zukunft. Und ich denke, dass eine gleichberechtige Gesellschaft eine bessere Gesellschaft ist.

Der kleine Unterschied und seine grossen Folgen

Das Buch: «Der kleine Unterschied und seine grossen Folgen» enthält 15 Protokolle mit sehr unterschiedlichen Frauen und einem Essay der Autorin über «Sex und Gender». Im Buch analysierte Alice Schwarzer die Sexualität als «Angelpunkt der Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern und der Unterdrückung der Frauen». Sie plädiert für eine freie Sexualität und die ökonomische Unabhängigkeit für Frauen. Das Buch erschien 1975 und machte Schwarzer über Westdeutschland hinaus bekannt. Der Spiegel nannte im Juni 1976 in einem Artikel über Schwarzer eine Auflage von bis dahin 138’000 Exemplaren. Es wurde in zwölf Sprachen übersetzt.

Zur Person: Alice Sophie Schwarzer wurde am 3. Dezember 1942 in Wuppertal geboren. Die Gründerin und Herausgeberin der Frauenzeitschrift Emma ist die bekannteste Vertreterin der deutschen Frauenbewegung.

(Erschienen im Migros-Magazin, August 2015)

Der Beitrag wurde von Alice Schwarzer zitiert.

About the author

Anne-Sophie Keller

Schweizer Journalistin.

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