Die Rückkehr der Knutschkugel

Am diesjährigen Genfer Auto-Salon sorgte das kleine Elektroauto Microlino für Aufsehen. Sein Aussehen weckt Erinnerungen an die Isetta. Dahinter steckt Wim Ouboter mit seinem Familienbetrieb Micro, der auch das Kickboard erfunden hat.

Der Microlino war ursprünglich nur als Projekt mit zehn Studenten der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften gedacht. Nach der Abschlusspräsentation schickte Wim Ouboter (56) den Studenten Pascal Studerus und seinen Sohn Merlin nach China, um einen Proto­typen zu bauen. Drei Monate später war das Elektrofahrzeug bereit für den Versand per Luftfracht in die Schweiz. Doch dann das: Am Zürcher Flughafen fiel das Gefährt seitwärts vom Gabelstapler zweieinhalb Meter in die Tiefe. Totalschaden. 

«Da mussten wir erst mal tief durchatmen», erzählt Ouboter. «Wir waren am Boden zerstört.» Schliesslich sollte der 400 Kilogramm leichte Microlino vier Wochen später an der Nürnberger Spielwarenmesse präsentiert werden. «Wir haben es dann einfach in der Messehalle mit der kaputten Seite an die Wand gestellt», sagt der Küsnachter Erfinder und lacht.

Produktion erst Ende 2017

Dass seine Firma Micro ein unkonventionelles Auto baut, machte schnell die Runde. Das Design ist das der BMW-Isetta von 1955, die den Spitznamen Knutschkugel hatte. Schliesslich räumte André Hefti, Generaldirektor des Auto-Salons Genf, kurz vor der Ausstellung noch Platz für den Microlino frei. Bei einem Stand zum Thema E-Mobility kam der Elektroflitzer auf ein kleines Podest. Ohne Glamour und Hostessen. Die Präsentation überraschte – und überzeugte. Vom US-Sender Fox News über den britischen «Guardian» bis hin zum «Playboy» berichteten zahlreiche Medien über den Microlino. 

Mehr «aus Gwunder» schaltete Ouboter eine Reservationsliste auf. Mittlerweile sind bereits 1140 Bestellungen eingegangen. «Wir hatten nicht einmal einen Businessplan», sagt der Tüftler. Mit den Lieferungen dauert es denn auch noch: Erst Ende 2017 geht der Microlino in Italien in Produktion. Preis pro Auto: zwischen 12 000 und 14 000 Franken. 

Ein Unruhestifter macht Karriere

Dass Ouboter keine Standardkarriere einschlagen würde, zeichnete sich früh ab. Als Kind hatte er mit Legasthenie zu kämpfen; doch er hatte auch die Sympathien der Kameraden auf seiner Seite. So wurde der Unruhestifter sogar Klassenchef, was wiederum vielen Lehrern nicht passte. 

«Ich hatte schon immer ein Faible für Abenteuer», erzählt Ouboter. «Mit 14 habe ich mit Freunden ein Töffli im Wald gefunden, ein Nummernschild gebastelt und dann die Strassen unsicher gemacht.» Die Teenager wurden erwischt und zur Strafarbeit in einer Gärtnerei verdonnert. 

Schnell war klar: Mit den Superschülern konnte Ouboter nicht konkurrieren. Im Berufsleben wollte er später einmal «etwas ganz anderes» machen – und «bloss kein Anzugsmensch werden». Nach dem KV bei einer Bank ging er ins Ausland, um Englisch zu lernen. Zurück an den Schalter kehrte er nie. Seine Frau Janine (54) hat er mit 28 kennengelernt. «Wir sind uns dreimal über den Weg gelaufen. Beim dritten Mal habe ich sie zu mir ins Zürcher Seefeld zum Kochen eingeladen.» Vier Tage später zog sie ein.

Für Wim Ouboters Erfolg ist sie mitverantwortlich: Als er sein erstes Projekt, das Kickboard, seinen «studierten Freunden» gezeigt und seine Vision von urbaner Mobilität erklärt hatte, stiess er auf wenig Verständnis. Wer um Himmels willen sollte so was fahren? Das Trottinett landete in der Garage. Wenig später standen 15 Kinder vor der Tür und wollten es ausprobieren. «Janine erkannte das Potenzial des Kickboards und drängte mich dazu, meine Vision weiterzuverfolgen.» Micro, die Küsnachter Herstellerfirma des Boards und des Microlinos, ist ein Familienunternehmen: Janine Ouboter macht die Buchhaltung, die Söhne Oliver (22) und Merlin (20) arbeiten im Betrieb. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen rund 60 Leute in der Schweiz und in China. Zum Tanken muss der Microlino an die Steckdose. Eine volle Ladung kostet rund 1.20 Franken und reicht für etwa 80 Kilometer. Die Höchst­geschwindigkeit liegt bei 100 km/h – autobahntauglich ist die Knutschkugel also nicht. Dafür lässt sie laut Ouboter besonders Frauenherzen höherschlagen. Selbst fährt der Entwickler übrigens ein Elektroauto der Marke Fisker.

(Publiziert am 22. August 2016 im Migros-Magazin)

About the author

Anne-Sophie Keller

Schweizer Journalistin.

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