Eine nachträgliche Plattenkritik aus lauter Nostalgie

Die Welt ist grau, diese Musik ist es nicht: Regina Spektor war 32 Jahre alt, als sie «What We Saw from the Cheap Seats» veröffentlichte. Das war 2012.

Was bringt ein Review fünf Jahre danach? Jede Menge. Denn: In Tagen wie diesen, in denen nicht nur das meteorologische, sondern auch das politische und gesellschaftliche Klima jegliche Wärme verloren haben, wirkt die Platte wie Antidepressiva. Eine Packungsbeilage dazu:

«Wie kann ich ohne dich leben», singt die Russin mit ihrer mädchenhaften Stimme im ersten Lied. Es folgen elf Stücke, die einen in eine andere Welt entführen. Spektors Folk ist mal verträumt, mal poppig, mal lieblich, mal schrullig. Es klingt, als wäre die Serie «New Girl» vertont worden. Zooey Deschanel hätte ihre helle Freude daran.

Und es klingt wie ein Zirkusbesuch: «Firewood» beginnt als zuckersüsses Schlafliedchen und endet in Funken. «Patron Saint» erinnert an 20er-Swing, an Flappergirls, Champagnerbecken, kurze Nächte, an Fitzgeralds grossen Gatsby. Stellenweise hört man Emiliana Torrinis «Jungle Drum» – etwa wenn Spektor am Ende von «Oh Marcello» Trommelgeräusche ins Mikrofon gurrt. 

Regina Spektor nimmt sich selbst nicht ernst, aber sie nimmt ihre Zuhörer ernst. Sie lässt nicht zu, dass sie es sich allzu bequem machen, und fordert sie mit abwechslungsreichen Nummern heraus. Den roten Faden muss man in diesem bunten Mischmasch selber suchen. Spektor garantiert auf ihrer Achterbahnfahrt für nichts und singt sich plan- und furchtlos durch 37 Albumminuten. Die Risiken und Nebenwirkungen: So leicht kommt man danach nicht mehr in den Alltag zurück.

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Anne-Sophie Keller

Schweizer Journalistin.

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