Wie man Kindern die Flüchtlingsnot erklärt

In ihrem Kinderbuch «Die Flucht» beschreibt die Zürcher Illustratorin Francesca Sanna die Odyssee einer Flüchtlingsfamilie. Das preisgekrönte Werk vermittelt Kindern einen altersgerechten Zugang zur Flüchtlingskrise.

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Eine zerbombte Stadt, eine entwurzelte Familie, eine Flucht ins Unbekannte: nicht unbedingt ein Thema, das sich dafür eignet, in einem Kinderbuch verarbeitet zu werden. Doch die Grafikerin Francesca Sanna hat genau das gemacht. In ihrem illustrierten Buch «Die Flucht» erzählt die 25-Jährige die Odyssee einer Familie, die vor dem Krieg in ihrem Land flüchten muss. Das Buch ist zugleich Sannas Masterarbeit in Design mit Spezialisierung auf Illustration an der Hochschule Luzern.

Sanna wurde auf Sardinien geboren, zog mit 20 für ein Praktikum nach Deutschland. Heute lebt sie in Zürich und arbeitet als freischaffende Illustratorin für verschiedene Publikationen. «Als ich Italien verliess, war ich ebenfalls eine Migrantin und im kleineren Rahmen mit kulturellen, sprachlichen und administrativen Problemen konfrontiert. Deshalb wählte ich für meine Abschlussarbeit das Thema Immigration», sagt die Grafikerin.

Auch die Gespräche am Familientisch und die politischen Diskussionen zu Hause in Sardinien hätten sie für das Thema sensibilisiert. «Fragen wie: Warum sollen wir diese Leute aufnehmen? Und warum haben alle ein iPhone? Wir haben keinen Platz, kein Geld, und selber Wirtschafts­probleme – solche ­Diskussionen werden in meiner Heimat leider seit Jahren geführt.»

Sanna wollte aber nicht von Nummern sprechen, sondern von Menschen. Also traf sie sich in Sardinien und Basel mit 15 Geflüchteten, die ihr ihre Geschichten anvertrauten. Die Gespräche fanden auf Englisch statt, eine Fremdsprache für beide Seiten. «Das hat uns irgendwie verbunden. Ich merkte sehr schnell, dass es eine Geschichte gibt, die erzählt werden muss. Und dass Mitleid nicht der richtige Weg ist, weil es Distanz schafft.»

Der Anfang war wie so oft das Schwierigste. «Wie erkläre ich etwas, für das es keine vertretbare Erklärung gibt? Ich fragte mich oft, wer ich denn bin, dass ich mir anmasse, diese Geschichte zu erzählen.» Der ganze Prozess dauerte über zwei Jahre. Jahre, in denen die Flüchtlingsthematik den öffentlichen Diskurs dominierte.

Das Buch soll Kindern helfen, einen altersgerechten Zugang zu diesem Thema zu finden. Anders, als es durch die mediale Berichterstattung geschieht, die Kinder meist ungefiltert konsumieren. «Wir wissen, warum die Leute flüchten. Und wir diskutieren viel darüber, wie wir die Menschen hier unterbringen. Dazwischen gibt es einen grossen grauen Bereich», sagt Francesca Sanna. Die Flucht sei aber ein kraftvolles Element: «Es zeigt die Überzeugung, die Stärke dieser Menschen. Normalerweise sehen wir Flüchtlinge in einer passiven, hilfesuchenden Rolle.»

Die ersten Maquetten habe sie den Kindern von Freunden gezeigt, sagt Sanna: «Sie haben viele Fragen zur Flüchtlingsnot gestellt. Sie wollten mehr wissen. Etwa, wer diese Leute sind, warum ihnen so etwas Schlimmes passiert. Dieses Feedback war sehr hilfreich.»

In der endgültigen Version ihres Buchs hat die Illustratorin einiges ausgelassen. «Es gibt fiktive Charaktere, die die Gesellschaft allgemein verurteilt», sagt Sanna. «Etwa die Schlepper. Das sind Kriminelle, die vom Leiden der Flüchtlinge finanziell profitieren. Doch oft sind die Leute den Schleppern für die Fluchthilfe dankbar. Diese Problematik war eine grosse Herausforderung innerhalb der Geschichte.» Schliesslich wurde der Schlepper im Buch ein abstraktes, monsterähnliches Wesen, das übermächtig ist, Familien auseinanderreisst und nicht fassbar ist.

Ob es ein Happy End gibt oder nicht, ist der Sicht des Lesers überlassen; Sanna hat sich bewusst für einen offenen Schluss ­entschieden: «Während des Entstehungsprozesses wurde die Flüchtlingskrise zunehmend präsenter. Grenzen wurden geschlossen, Camps geräumt – die Ereignisse überstürzten sich. Ich musste das Ende meiner ­Geschichte offenlassen, weil es auch in der Realität noch kein Ende gibt.» Ob die Familie am Ziel ankommt, bleibt also offen.

Francesca Sannas Arbeit hat sich gelohnt. Im November 2015 kam ein Anruf der renommierten Society of Illustrators New York. «Die Flucht» gewann die Goldmedaille in der Kategorie Buch – den Oscar der Illustratoren­branche. «Das war der beste Anruf meines Lebens. Im Februar flog ich für die Preisverleihung nach New York. Meine ganze Familie reiste mit. Sehr italienisch.» Die Medaille hängt nun in ihrem Zürcher Atelier. Und die nächste Anerkennung folgt schon bald: Eine international tätige Non-Profit-Organisation will Sannas Buch in englischen Schulen verteilen.

Das Buch «Die Flucht» erscheint am 19. Juli im Zürcher NordSüd-Verlag und ist ab dem 25.Juli für Fr. 23.90 bei Ex Libris erhältlich.

(Publiziert im Migros-Magazin, Juli 2016. Porträtbild: Anne Gabriel-Jürgens / Bilder: zVg)

About the author

Anne-Sophie Keller

Schweizer Journalistin.

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