Eine nachträgliche Plattenkritik aus lauter Nostalgie

Die Welt ist grau, diese Musik ist es nicht: Regina Spektor war 32 Jahre alt, als sie «What We Saw from the Cheap Seats» veröffentlichte. Das war 2012.

Was bringt ein Review fünf Jahre danach? Jede Menge. Denn: In Tagen wie diesen, in denen nicht nur das meteorologische, sondern auch das politische und gesellschaftliche Klima jegliche Wärme verloren haben, wirkt die Platte wie Antidepressiva. Eine Packungsbeilage dazu:

«Wie kann ich ohne dich leben», singt die Russin mit ihrer mädchenhaften Stimme im ersten Lied. Es folgen elf Stücke, die einen in eine andere Welt entführen. Spektors Folk ist mal verträumt, mal poppig, mal lieblich, mal schrullig. Es klingt, als wäre die Serie «New Girl» vertont worden. Zooey Deschanel hätte ihre helle Freude daran.

Und es klingt wie ein Zirkusbesuch: «Firewood» beginnt als zuckersüsses Schlafliedchen und endet in Funken. «Patron Saint» erinnert an 20er-Swing, an Flappergirls, Champagnerbecken, kurze Nächte, an Fitzgeralds grossen Gatsby. Stellenweise hört man Emiliana Torrinis «Jungle Drum» – etwa wenn Spektor am Ende von «Oh Marcello» Trommelgeräusche ins Mikrofon gurrt. 

Regina Spektor nimmt sich selbst nicht ernst, aber sie nimmt ihre Zuhörer ernst. Sie lässt nicht zu, dass sie es sich allzu bequem machen, und fordert sie mit abwechslungsreichen Nummern heraus. Den roten Faden muss man in diesem bunten Mischmasch selber suchen. Spektor garantiert auf ihrer Achterbahnfahrt für nichts und singt sich plan- und furchtlos durch 37 Albumminuten. Die Risiken und Nebenwirkungen: So leicht kommt man danach nicht mehr in den Alltag zurück.

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Frauen helfen Frauen

Kriege, Flüchtlingskrise, Wasserknappheit: Hilfe wird zurzeit auf der ganzen Welt benötigt. Doch wer geht dafür schon zu den Krisenorten? Zum Beispiel die Zürcherin Raquel Herzog vom Schweizer Hilfswerk «SAO Association». 

Europa, diese Tage: Menschen auf der Flucht schlafen in Eiseskälte unter freiem Himmel oder in Zeltlagern, sind unterernährt, haben keine Rechte und nur selten medizinische Versorgung. Frauen sind dabei besonders gefährdet: Sie sind schlechter ausgebildet, körperlich verletzlich, teilweise schwanger und müssen in desolaten Zuständen ihre Monatshygiene verrichten. Die Zürcher Eventmanagerin Raquel Herzog (53) hat diese Probleme erkannt und im Februar 2016 das Hilfswerk «SAO Association, Frauen für Frauen auf der Flucht» mitgegründet.

«Die nachhaltige Hilfe kommt bei Frauen an. Sie schauen auch für ihre Kinder. Männer sind weniger verletzlich, können sich einfacher alleine durchschlagen und müssen in der Regel auch weniger sprachliche Hindernisse meistern», erklärt Raquel Herzog. Seit Dezember 2015 ist sie vor allem auf der griechischen Insel Lesbos im Einsatz. Dort betreibt SAO das Lagerhaus Attika, in dem Warenspenden aus der ganzen Welt sortiert und an Flüchtlinge sowie andere NGOs weitergegeben werden. Raquel Herzog: «Im Lager arbeiten viele junge Männer, die im Flüchtlingslager Moria wohnen. Diese Aufgabe gibt ihnen eine gewisse Tagesstruktur, denn die Lethargie ist lähmend.»

Hintergrund ist eine im März beschlossene Absichtserklärung der EU und der Türkei. Alle, die nach diesem Entscheid in Moria ankamen, wurden kriminalisiert, das Registrierungshauptcamp wurde zum Internierungslager. «Neuankömmlinge werden zunächst 25 Tage lang eingesperrt. Das Lager hat eine Maximalkapazität von 1200 Personen, momentan leben jedoch fast 5000 dort», berichtet Raquel Herzog. Das bedeute unter anderem, dass aktuell rund 800 Kinder unter zehn Jahren quasi in Haft leben.

Neben dem Lagerhaus Attika soll in Griechenland nun auch ein Zentrum für Mütterberatung entstehen. Mit dem Fonds «Back on track» möchte SAO weiblichen Geflüchteten im Ankunftsland das Fortsetzen des Studiums ermöglichen. Raquel Herzog: «Für uns haben die Menschenrechte die höchste Priorität. Unabhängig davon, ob jemand ein Kriegsflüchtling ist oder andere Beweggründe hat. Jeder hat das Recht auf Obdach, Essen und Schutz.»

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Königinnen der Nacht

 

Tagsüber sind sie Kunststudent und Kindergärtner. Bei Anbruch der Dunkelheit verwandeln sich Effi Meister und Leon Schneider in Drag Queens. Eine Nacht in ihrer Welt aus Kunst und Glitzer – und ein Blick hinter die Kulissen aus Selbstverwirklichung und Provokation.

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Badischer Bahnhof, Samstagnachmittag. Kinder starren mit grossen Augen und verstecken sich hinter ihren Müttern. Eine Gruppe älterer Herren mit Hosenträgern fragt in Basler Dialekt, ob schon wieder Fasnacht sei; der Unterton hat etwas Pöbelndes. Kein einziger Kopf, der sich nicht nach Effi Meister und Leon Schneider umdreht. Die 26-jährigen Basler sind sogenannte Drag Queens, sie haben sich als weibliche Figuren verkleidet. Meister hat sich falsche Dreadlocks auf den Kopf gebunden. Unter seinem schwarzen Kimono blitzt eine Corsage hervor. Den Büstenhalter hat er sich mit orangen Robidog-Säckchen ausgestopft, die er später auf der Bühne des Theater Neumarkt in Zürich unter tosendem Applaus herauszupfen wird. Dort wird heute Abend die «Miss Heaven», die Königin der Drag Queens, gekürt. Meister und Schneider werden als Showact auftreten.

Schneider hat sich für Jessie, eine Comicfigur aus der Pokémon-Serie, entschieden: falsche Brüste aus Plastik, ein praller Hintern aus Schaumstoff, enge Strumpfhosen und Stiefel mit zentimeterhohen Absätzen. Doch Drag ist mehr als Verkleiden, mehr als Fasnacht. Drag schmerzt. Drag braucht Hingabe. Das wird spätestens dann klar, wenn man Schneiders geschwollene Füsse am Ende des Abends anschaut. Warum tut sich einer so etwas an? «Drag ist für mich ein Ventil». Als offen schwuler Mann erlebt er im Alltag oft Anfeindungen, wird als «Schwuchtel» und «Tunte» beschimpft oder angespuckt. «All den Dreck, den ich fressen muss, sauge ich auf wie ein Schwamm. Auf der Bühne wird dieser ausgewrungen.»

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Bis dahin dauert es noch ein paar Stunden. In Schneiders WG in Basel bereiten sich die Drag Queens zunächst auf ihre grosse Nacht vor. «Aufdragen» nennen sie den Prozess der Verwandlung. Meister ist verspätet, weil er sich noch «eine neue Pussy» kaufen musste. Als er die Räume betritt, präsentiert er grinsend eine Plüschkatze. Er werde sie während seiner Show zu den Zeilen «I worked my pussy off» aus der Hose ziehen. Effi ist eine androgyne Person. Die Seiten am Kopf hat er sich wegrasiert, übrig blieb ein Schopf aus dunkelblondem Haar. Auf seinem Gesicht sind meist Farbkleckser oder Spuren von Glitzer zu sehen – ein Vergissmeinnicht der letzten Kunstaktion. Auch Leon Schneider sticht heraus: Die Haare des Kindergärtners sind platinblond gebleicht, sein Teint hat die Farbe von Porzellan, die Beine stecken in getigerten Skinny-Jeans.

Für die nächsten Stunden versinkt das Badezimmer der Wohngemeinschaft in ein Chaos aus Pinseln, Schminkpaletten und Haarteilen. Am Spiegel prangt ein Kleber mit der Aufschrift «Steh zu dir!». Schneider presst seine Augenbrauen mit Spezialleim an die Stirn. «Man muss das alte Gesicht erst wegschminken, bevor man ein neues malt», erklärt er. Es wird still. «Die Verwandlung hat etwas Meditatives, man ist mit sich selbst konfrontiert», sagt Meister. Anecken wolle er nicht immer. Manchmal sei Drag für ihn wie ein Superheldenkostüm: «Ich hinterlasse einen bleibenden Eindruck, kriege Aufmerksamkeit. Und ich kann etwas Distanz zu meinem privaten Ich haben.»

Um 17 Uhr hocken die beiden im Zug. Man erkennt sie in ihren Outfits nicht wieder. Meister schenkt drei beeindruckten Schulkindern ein Lächeln, das erwidert wird: «In ihren Augen bin ich ein Monsterchen oder Gespenst. Aber nicht etwas, das man nicht sein darf», sagt er. Erwachsene reagieren anders: meist schockiert, gar angewidert, teilweise fasziniert. Eine Stunde später rollt der Zug in Zürich ein. In der Bahnhofshalle findet die «Züri Wiesn» statt; die Besucher grölen ihre Schlager so laut, dass man sie bis zu den Geleisen hört. Die Drag Queens stolzieren durch die Menge. «Ich glaube, ich bin im falschen Film!», sagt ausgerechnet eine angeheiterte Oktoberfestlerin, die mitten im Bahnhof dirndlbekleidet neben einem Wiesn-Zelt steht. «Ui, diese Farben!», sagt eine ratlose junge Frau in Schwarz. Es braucht wenig, um in der Schweiz zu schockieren. «Als schwuler Mann wirst du vielleicht toleriert, also geduldet. Aber nicht akzeptiert. Drag deckt das auf», erklärt Schneider. «Du hältst diesen Menschen den Spiegel vor. Wenn sie dich scheisse finden, sagen sie dir das auch. Und wenn sie offen sind, merkst du ihr Interesse.»

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Drag als politisches Statement? Als Provokation gar? Nicht nur. Bei Schneider hat man das Gefühl, es sei auch eine Art Selbstfindung. Er wuchs auf dem Land auf. Sein Vater versteht die Drag-Welt nicht: «Als ich klein war, fand er mein Schauspielern noch herzig. Jetzt, da ich erwachsen bin und es mir ernst ist, hat er viele Vorurteile», sagt Schneider. Sein Alter Ego, Klaudia Alles, erblickte vor zwei Jahren am «Tuntenball» in der Basler Bar Hirscheneck das Licht der Drag-Welt. «Ich hatte nie das Bedürfnis, mich als Frau zu verkleiden. Das erste Mal war unglaublich. Ich war wie verzaubert.» Seither schlüpft er regelmässig in Klaudias Rolle. Eines seiner Vorbilder ist Divine, die amerikanische «Queen of Filth», die in einem Film Hundekot verspeist. «Die schönen, netten, politischen korrekten Drags interessieren mich nicht. Ich mag die verwirrten, bösen.» Drum sei auch Klaudia dumm, frech – und ein richtiges Wrack.

Für Effi Meister ist Drag keine Verwandlung, sondern eine weitere Seite von ihm. Er ist der Spross einer jüdischen Grossfamilie. In Basel absolvierte er den Bachelor of Fine Arts. Als Kind spielte er mit Barbies, verkleidete sich, zeichnete Figuren. «Die Leute sollen nicht wissen, ob ich Mann, Frau oder Trans bin. Ich lade sie gerne in diese Grauzone ein», sagt er. Die Looks des Kunststudenten bedienen nicht das gängige Klischee der glamourösen Drag Queen. Um Sexyness oder Schönheit geht es ihm nicht. Er wirkt eher wie ein Fabelwesen. «Mein Körper ist eine Leinwand. Wenn ich mich für Shows vorbereite, lote ich die Grenzen von dem, was ich sein kann, aus.» Er bezeichnet sich als genderfluid – also als etwas zwischen den Geschlechtern. In Zeiten, in denen man auf Facebook zwischen über 50 Geschlechtsidentitäten auswählen kann, überrascht diese Aussage wenig. Einige seiner Freunde sprechen ihn mit weiblichen Pronomen an. «Wenn ich auf ihn sauer bin, kriegt er männliche Pronomen», sagt Schneider.

Man fragt sich, ob Meisters Botschaften seinem Publikum nicht etwas viel abverlangen. In einem Land, in dem das Sternchen der SP Frauen* bereits als hysterischer Akt übertriebener politischer Korrektheit angesehen wird? Einem Land, das sich mit Menschen jenseits von Heteronormativität immer noch schwer tut? In dem sich der SRF-Ombudsmann etwas hilflos mit der Frage auseinandersetzt, ob Viktor Giacobbo in seiner Sendung noch von «Transen» reden darf? Keine Ahnung. In Schneider und Meisters Umfeld ist die Toleranz hingegen gross. Getragen werden sie von aufgeschlossenen Arbeitgebern, offenen Mitstudenten, einem bunten Freundeskreis und ihren Partnern.

Im Theater Neumarkt angekommen, ist es Zeit für die Hauptprobe. Vicky Goldfinger, die amtierende Miss Heaven, peitscht ihre Nachfolgerinnen durch die Routine. Schneider und Meister, hier schon beinahe alte Hasen, sind nicht nervös. Ihre Nummern sitzen. Wenig später füllen sich die 160 ausverkauften Plätze. Im Vorraum werden Cüpli und Gin Tonics gebechert; Backstage erschweren ein Nebel aus Haarspray und ein Aschenbecher voller lippenstiftverschmierter Zigarettenstummel das Atmen.

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Showtime. Als die Berliner Drag Queen Melli Magic den Abend eröffnet, wird sie mit frenetischem Applaus begrüsst. «Ich liebe euch, meine Hübschen!», ruft sie theatralisch. Mit den Kandidatinnen geht sie unzimperlich um: «Kriegst du für das Beantworten meiner Frage drei Hirnzellen hin?» fragt sie. Als ein Gast zu geschwätzig ist, unterbricht sie ihn mit den Worten «Wenn du weiterredest, mach ichs mit deiner Schwester – oder wer auch immer die Bitch neben dir ist». Tosender Applaus. Während den Darbietungen fliegen Pelzmäntel, Konfettischnipsel, Rosen und Haarteile herum. «Hätte ich nicht so viel Botox gespritzt, würde man jetzt mein Strahlen sehen», so die Moderatorin. Viel Raum für Ernsthaftigkeit bleibt an diesem Abend nicht, doch man findet sie zwischen den Zeilen. Bei einer Kandidatin, die zu den Zeilen «I won’t give up, I’m free to be the greatest, I’m alive» tanzt. Der Song der australischen Sängerin Sia ist eine Hymne an die Opfer des Orlando-Massakers. Dort starben diesen Juni 49 Menschen bei einer Schiesserei in einem Schwulenclub. Man findet die Ernsthaftigkeit auch dann, wenn Melli Magic die Drag Queens als Botschafterinnen der Stonewall-Aufstände anpreist. Das Stonewall Inn war ein New Yorker Schwulenbar. Im Lokal an der Christopher Street entflammten in den 60ern regelmässig Konflikte mit Polizeibeamten. Es war die Geburtsstunde des Christopher Street Day, der heutigen Gay Pride.

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Als Meister und Schneider auf der Bühne stehen, dröhnen die Hymnen von Drag-Ikone Alaska Thunderfuck und Popwunder Lady Gaga durch den Raum. Meister singt die Zeilen «Haters gonna hate» als Playback; Schneider reisst die Augen auf, singt «I live for the applause, live for the way that you cheer and scream for me» und kriegt genau das. Nach bloss 90 Sekunden sind ihre Auftritte vorbei. Kurz nach 23 Uhr wird die Baslerin Odette Hella’Grand zur neuen Miss Heaven gekürt. Das Publikum, das während dreier Stunden ein Teil der Drag-Szene war, applaudiert und verteilt sich wieder in der Nacht. Die Begegnungen im Foyer, wo Fans ihre Königinnen anhimmeln, sind von kurzer Dauer.

Bei Sonnenaufgang ist der Zauber vorbei und das Make-up verschmiert. Im Zug nach Hause setzen sich die Drag Queens wieder dem Starren von Passanten aus. «Was diese Begegnung mit denen macht, können wir nicht beeinflussen. Im besten Fall bewegt sie sie zu etwas Selbstreflexion», so Meister. Und weiter: «Dass wir polarisieren, lässt sich nicht vermeiden und ist immer noch besser, als in Gleichgültigkeit zu versinken.» Die Blicke sind nicht immer angenehm. Auf der anderen Seite, so Schneider, rechtfertigen sie Drag als Kunstform: «Drag zeigt Missstände auf. Wenn es diese nicht mehr gibt, gibt es auch Drag nicht mehr.» Gäbe es eine absolut tolerante Gesellschaft, könnte man nicht mehr anecken.

20 Stunden waren Leon Schneider und Effi Meister unterwegs. Für 90 Sekunden auf der Bühne und die Botschaft, dass jenseits von Mann und Frau eine ganze Welt liegt: Ein Kosmos irgendwo zwischen Selbstfindung und Provokation, Chaos und Glitzer.

(Erstmals publiziert in DIE ZEIT, September 2016. Bilder: Christian Bobst)

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Der Geschmack einer Kindheit

Eine Geschichte über Mina, Nostalgie und mein Festessen.

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Die Zutaten meiner Kindheit: Brot, Eier, Milch, Butter, Zimtzucker. Arme Ritter, nennt man das Gericht in Deutschland, Pain Perdu in Frankreich, Fotzelschnitten in der Küche meiner Grossmutter Mina.

Seit meiner Geburt bin ich unsterblich in diese alte Frau verliebt. Sie hat ein schmales Gesicht, eine winzige Nase, rosarote Lippen. Ihre grauen Augen schliesst sie, wenn sie etwas erzählt. Ihre Haut hat die Farbe von Porzellan; ihr Haar ist Watte. Sie riecht nach Lavendel. Wenn sie ihr altrosa Twinset oder die Bluse mit den Pünktchen trägt, sieht sie aristokratisch aus. Meine Eitelkeit habe ich von ihr geerbt. Meinen Perfektionismus, meine Kompliziertheit und meinen Stolz auch.

Als ich noch zur Schule ging, hat sie oft für mich und meine Schwester gekocht. Wie im Restaurant: mit weissen Servietten und einer ungeheuerlichen Pünktlichkeit. Anne-Sophie Catherine und Valerie Ruth speisten wie Prinzessinnen.

Manchmal ganz besonders. Dann, wenn drei Teller neben der Bratpfanne standen. Im ersten: acht dicke Scheiben Brot. Im zweiten: zwei Deziliter Milch. Im dritten: drei verquirlte Eier. Meine Grossmutter nahm das Brot mit ihren kräftigen Händen, tunkte es in der Milch, badete es in den Eiern und legte es in die Butter, die bereits in der Bratpfanne brutzelte. Sobald die Scheiben golden waren, legte Grosi sie auf eine weisse Platte und berieselte das duftende Türmchen mit Zimtzucker.

Ich habe zuhause in Zürich kein einziges Mal selber Fotzelschnitten gemacht. Brot, Eier, Milch, Butter und Zimtzucker. So wenig braucht es. Aber die wesentlichen Zutaten fehlen: Meine Grossmutter, ihre Schürze, ihr Duft, ihre Liebe, meine Kindheit.

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Heimat

Was ist Heimat? Ein Essay über einen umstrittenen Begriff.

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Heimat ist ein strapazierter Begriff in Zeiten von aggressivem SVP-Wahlkampf und hingenommener Flüchtlingskrise. Heimat in der Schweiz, das sind saubere Strassen, Berge wie aus dem Bilderbuch, klare Seen und funktionierende, politische Strukturen. Heimat, das sind Tell und Heidi.

Heimat, das ist Nationalstolz. Auf ein 20. Jahrhundert ohne Krieg. Auf die Réduits und die beste Armee der Welt. Auf Frankenstärke, Wirtschaftswachstum und tiefe Arbeitslosenquote. Auf Jodelgesang, Sackmesser, Edelweisshemden. Auf das CERN, die ETH, die SBB.

Heimat ist mein schlechtes Gewissen. Weil ich eine dieser Gewinnerinnen bin. Weil ich bis auf das fehlende Y-Chromosom jeden Lottosechser gezogen habe, der ein Mensch auf dieser Welt nur ziehen kann. Als weisses Mädchen in der Schweiz. Gebildet, mit Lehrereltern, heterosexuell, gesund, krankenversichert und emanzipiert. Und der Erkenntnis, nichts davon verdient zu haben.

Heimat ist meine Melancholie. Eine Kindheit im Berner Oberland. Ein Quartier voller Kinder, Katzen, Kreidemalereien und Kirschbäumen. Ein Universum, das bis zum Ende der Strasse ging, weil weiter schon eine Welt anfing, die noch heute eigentlich zu gross ist. Riesige Sandkästen. Kaulquappen in Gonfigläsern. Mutproben auf gefrorenen Weihern. Margritli-Kränze und grüne Grasflecken. Weisse Weihnachten. Weite Horizonte.

Heimat ist mein Heimweh. Unterwegs sein und sich fehl am Platz fühlen. Sich furchtlos der Fremde und den Fremden hingeben und in alldem Geborgenheit suchen. Auf Reisen Leitungswasser trinken, das nach Chlor schmeckt. Von der Kraft des Meeres überwältigt werden und sich nach der Aare sehnen, die nach Steinen riecht. Ein Anruf der Mutter. Wie gehts dir, Tochter?

Es geht mir gut. Weil das meine Heimat ist.

Heimat ist: der Niesen

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Warum eure offene Beziehung scheitern wird

Beziehungsunfähig, egozentrisch und verwöhnt: Ihre Eigenart macht das Liebesleben der Generation-Y nicht einfacher. Das Modell «offene Beziehung» wird auch nicht funktionieren. Ein Kommentar. 

Über keine Kohorte wurde so viel geschrieben wie über die Generation-Y. Den Menschen, welche zwischen 1980 bis 1999 geboren wurden, eilt ein zweifelhafter Ruf voraus. Egozentrisch sollen die Millenials – so wird die Generation auch genannt – sein. Verwöhnt, opportunistisch, übersensibel, stetig verunsichert und unfähig, Verantwortung zu übernehmen.

Sie tingeln von einem Praktikum zum nächsten, gehen in Asien auf Selbstfindungssuche, nabeln sich mehr schlecht als Recht von den Eltern ab und sind ob der schieren Vielfalt an Möglichkeiten ständig verunsichert. Eine Generation, der die Welt offensteht, diese seit 9/11 und dem Stakkato aus Krieg, Krisen und Terror aber nur noch als einzige Gefahr sieht.

Die «anything goes»-Haltung spiegelt sich auch in den Partnerschaften wieder; das Modell «offene Beziehung» boomt. «Ich möchte mich nicht festlegen», «ich habe genug Liebe für mehrere Personen», «Monogamie ist veraltet», heisst es da. Das mag schön und gut sein. Es klingt, als würde das Freigeistige der 70er-Jahre wieder aufkeimen.

Doch dem ist nicht so. Diverse Studien zeigen, dass die Generation-Y so spiessig ist, wie noch nie. Angesichts der zu vielen Möglichkeiten sehnt sie sich nach Heirat, Einfamilienhaus, Kindersegen und festen Strukturen. Von der Hippiebewegung anno dazumal ist sie ideologisch meilenweit entfernt.

Die Flucht in die offene Beziehung ist bei genauerer Betrachtung nicht mehr und nicht weniger als der Egoismus und die Feigheit, sich auf eine andere Person einzulassen. Es erstaunt insofern auch nicht, dass die meisten dieser polygamen Konstrukte früher oder später in Tränen, gebrochenen Herzen und enttäuschten Erwartungen enden. 

Doch was nun? Wie räumen die Millenials ihren emotionalen Scherbenhaufen wieder auf? Mit der Erkenntnis, dass «anything goes» ein Mythos war, dass man im Leben nicht alles haben kann und dass ein bisschen Verbindlichkeit nötig ist. Weil der Hauptgewinn noch nie mit dem Mindesteinsatz kam.

 

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Die Rückkehr der Knutschkugel

Am diesjährigen Genfer Auto-Salon sorgte das kleine Elektroauto Microlino für Aufsehen. Sein Aussehen weckt Erinnerungen an die Isetta. Dahinter steckt Wim Ouboter mit seinem Familienbetrieb Micro, der auch das Kickboard erfunden hat.

Der Microlino war ursprünglich nur als Projekt mit zehn Studenten der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften gedacht. Nach der Abschlusspräsentation schickte Wim Ouboter (56) den Studenten Pascal Studerus und seinen Sohn Merlin nach China, um einen Proto­typen zu bauen. Drei Monate später war das Elektrofahrzeug bereit für den Versand per Luftfracht in die Schweiz. Doch dann das: Am Zürcher Flughafen fiel das Gefährt seitwärts vom Gabelstapler zweieinhalb Meter in die Tiefe. Totalschaden. 

«Da mussten wir erst mal tief durchatmen», erzählt Ouboter. «Wir waren am Boden zerstört.» Schliesslich sollte der 400 Kilogramm leichte Microlino vier Wochen später an der Nürnberger Spielwarenmesse präsentiert werden. «Wir haben es dann einfach in der Messehalle mit der kaputten Seite an die Wand gestellt», sagt der Küsnachter Erfinder und lacht.

Produktion erst Ende 2017

Dass seine Firma Micro ein unkonventionelles Auto baut, machte schnell die Runde. Das Design ist das der BMW-Isetta von 1955, die den Spitznamen Knutschkugel hatte. Schliesslich räumte André Hefti, Generaldirektor des Auto-Salons Genf, kurz vor der Ausstellung noch Platz für den Microlino frei. Bei einem Stand zum Thema E-Mobility kam der Elektroflitzer auf ein kleines Podest. Ohne Glamour und Hostessen. Die Präsentation überraschte – und überzeugte. Vom US-Sender Fox News über den britischen «Guardian» bis hin zum «Playboy» berichteten zahlreiche Medien über den Microlino. 

Mehr «aus Gwunder» schaltete Ouboter eine Reservationsliste auf. Mittlerweile sind bereits 1140 Bestellungen eingegangen. «Wir hatten nicht einmal einen Businessplan», sagt der Tüftler. Mit den Lieferungen dauert es denn auch noch: Erst Ende 2017 geht der Microlino in Italien in Produktion. Preis pro Auto: zwischen 12 000 und 14 000 Franken. 

Ein Unruhestifter macht Karriere

Dass Ouboter keine Standardkarriere einschlagen würde, zeichnete sich früh ab. Als Kind hatte er mit Legasthenie zu kämpfen; doch er hatte auch die Sympathien der Kameraden auf seiner Seite. So wurde der Unruhestifter sogar Klassenchef, was wiederum vielen Lehrern nicht passte. 

«Ich hatte schon immer ein Faible für Abenteuer», erzählt Ouboter. «Mit 14 habe ich mit Freunden ein Töffli im Wald gefunden, ein Nummernschild gebastelt und dann die Strassen unsicher gemacht.» Die Teenager wurden erwischt und zur Strafarbeit in einer Gärtnerei verdonnert. 

Schnell war klar: Mit den Superschülern konnte Ouboter nicht konkurrieren. Im Berufsleben wollte er später einmal «etwas ganz anderes» machen – und «bloss kein Anzugsmensch werden». Nach dem KV bei einer Bank ging er ins Ausland, um Englisch zu lernen. Zurück an den Schalter kehrte er nie. Seine Frau Janine (54) hat er mit 28 kennengelernt. «Wir sind uns dreimal über den Weg gelaufen. Beim dritten Mal habe ich sie zu mir ins Zürcher Seefeld zum Kochen eingeladen.» Vier Tage später zog sie ein.

Für Wim Ouboters Erfolg ist sie mitverantwortlich: Als er sein erstes Projekt, das Kickboard, seinen «studierten Freunden» gezeigt und seine Vision von urbaner Mobilität erklärt hatte, stiess er auf wenig Verständnis. Wer um Himmels willen sollte so was fahren? Das Trottinett landete in der Garage. Wenig später standen 15 Kinder vor der Tür und wollten es ausprobieren. «Janine erkannte das Potenzial des Kickboards und drängte mich dazu, meine Vision weiterzuverfolgen.» Micro, die Küsnachter Herstellerfirma des Boards und des Microlinos, ist ein Familienunternehmen: Janine Ouboter macht die Buchhaltung, die Söhne Oliver (22) und Merlin (20) arbeiten im Betrieb. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen rund 60 Leute in der Schweiz und in China. Zum Tanken muss der Microlino an die Steckdose. Eine volle Ladung kostet rund 1.20 Franken und reicht für etwa 80 Kilometer. Die Höchst­geschwindigkeit liegt bei 100 km/h – autobahntauglich ist die Knutschkugel also nicht. Dafür lässt sie laut Ouboter besonders Frauenherzen höherschlagen. Selbst fährt der Entwickler übrigens ein Elektroauto der Marke Fisker.

(Publiziert am 22. August 2016 im Migros-Magazin)

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Wie man Kindern die Flüchtlingsnot erklärt

In ihrem Kinderbuch «Die Flucht» beschreibt die Zürcher Illustratorin Francesca Sanna die Odyssee einer Flüchtlingsfamilie. Das preisgekrönte Werk vermittelt Kindern einen altersgerechten Zugang zur Flüchtlingskrise.

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Eine zerbombte Stadt, eine entwurzelte Familie, eine Flucht ins Unbekannte: nicht unbedingt ein Thema, das sich dafür eignet, in einem Kinderbuch verarbeitet zu werden. Doch die Grafikerin Francesca Sanna hat genau das gemacht. In ihrem illustrierten Buch «Die Flucht» erzählt die 25-Jährige die Odyssee einer Familie, die vor dem Krieg in ihrem Land flüchten muss. Das Buch ist zugleich Sannas Masterarbeit in Design mit Spezialisierung auf Illustration an der Hochschule Luzern.

Sanna wurde auf Sardinien geboren, zog mit 20 für ein Praktikum nach Deutschland. Heute lebt sie in Zürich und arbeitet als freischaffende Illustratorin für verschiedene Publikationen. «Als ich Italien verliess, war ich ebenfalls eine Migrantin und im kleineren Rahmen mit kulturellen, sprachlichen und administrativen Problemen konfrontiert. Deshalb wählte ich für meine Abschlussarbeit das Thema Immigration», sagt die Grafikerin.

Auch die Gespräche am Familientisch und die politischen Diskussionen zu Hause in Sardinien hätten sie für das Thema sensibilisiert. «Fragen wie: Warum sollen wir diese Leute aufnehmen? Und warum haben alle ein iPhone? Wir haben keinen Platz, kein Geld, und selber Wirtschafts­probleme – solche ­Diskussionen werden in meiner Heimat leider seit Jahren geführt.»

Sanna wollte aber nicht von Nummern sprechen, sondern von Menschen. Also traf sie sich in Sardinien und Basel mit 15 Geflüchteten, die ihr ihre Geschichten anvertrauten. Die Gespräche fanden auf Englisch statt, eine Fremdsprache für beide Seiten. «Das hat uns irgendwie verbunden. Ich merkte sehr schnell, dass es eine Geschichte gibt, die erzählt werden muss. Und dass Mitleid nicht der richtige Weg ist, weil es Distanz schafft.»

Der Anfang war wie so oft das Schwierigste. «Wie erkläre ich etwas, für das es keine vertretbare Erklärung gibt? Ich fragte mich oft, wer ich denn bin, dass ich mir anmasse, diese Geschichte zu erzählen.» Der ganze Prozess dauerte über zwei Jahre. Jahre, in denen die Flüchtlingsthematik den öffentlichen Diskurs dominierte.

Das Buch soll Kindern helfen, einen altersgerechten Zugang zu diesem Thema zu finden. Anders, als es durch die mediale Berichterstattung geschieht, die Kinder meist ungefiltert konsumieren. «Wir wissen, warum die Leute flüchten. Und wir diskutieren viel darüber, wie wir die Menschen hier unterbringen. Dazwischen gibt es einen grossen grauen Bereich», sagt Francesca Sanna. Die Flucht sei aber ein kraftvolles Element: «Es zeigt die Überzeugung, die Stärke dieser Menschen. Normalerweise sehen wir Flüchtlinge in einer passiven, hilfesuchenden Rolle.»

Die ersten Maquetten habe sie den Kindern von Freunden gezeigt, sagt Sanna: «Sie haben viele Fragen zur Flüchtlingsnot gestellt. Sie wollten mehr wissen. Etwa, wer diese Leute sind, warum ihnen so etwas Schlimmes passiert. Dieses Feedback war sehr hilfreich.»

In der endgültigen Version ihres Buchs hat die Illustratorin einiges ausgelassen. «Es gibt fiktive Charaktere, die die Gesellschaft allgemein verurteilt», sagt Sanna. «Etwa die Schlepper. Das sind Kriminelle, die vom Leiden der Flüchtlinge finanziell profitieren. Doch oft sind die Leute den Schleppern für die Fluchthilfe dankbar. Diese Problematik war eine grosse Herausforderung innerhalb der Geschichte.» Schliesslich wurde der Schlepper im Buch ein abstraktes, monsterähnliches Wesen, das übermächtig ist, Familien auseinanderreisst und nicht fassbar ist.

Ob es ein Happy End gibt oder nicht, ist der Sicht des Lesers überlassen; Sanna hat sich bewusst für einen offenen Schluss ­entschieden: «Während des Entstehungsprozesses wurde die Flüchtlingskrise zunehmend präsenter. Grenzen wurden geschlossen, Camps geräumt – die Ereignisse überstürzten sich. Ich musste das Ende meiner ­Geschichte offenlassen, weil es auch in der Realität noch kein Ende gibt.» Ob die Familie am Ziel ankommt, bleibt also offen.

Francesca Sannas Arbeit hat sich gelohnt. Im November 2015 kam ein Anruf der renommierten Society of Illustrators New York. «Die Flucht» gewann die Goldmedaille in der Kategorie Buch – den Oscar der Illustratoren­branche. «Das war der beste Anruf meines Lebens. Im Februar flog ich für die Preisverleihung nach New York. Meine ganze Familie reiste mit. Sehr italienisch.» Die Medaille hängt nun in ihrem Zürcher Atelier. Und die nächste Anerkennung folgt schon bald: Eine international tätige Non-Profit-Organisation will Sannas Buch in englischen Schulen verteilen.

Das Buch «Die Flucht» erscheint am 19. Juli im Zürcher NordSüd-Verlag und ist ab dem 25.Juli für Fr. 23.90 bei Ex Libris erhältlich.

(Publiziert im Migros-Magazin, Juli 2016. Porträtbild: Anne Gabriel-Jürgens / Bilder: zVg)

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