Chansonnière Zaz über Paris, Terror und das Glücklichsein

Zaz singt über Liebe, Freiheit und Lebenslust. Am 10. August steht die derzeit erfolgreichste Vertreterin des Nouvelle Chanson auf der Bühne des «Stars in Town» in Schaffhausen. Im Interview spricht sie über ihre exzessive Seite, die Liebe zu Paris, den Terror, ihr soziales Engagement und das Glücklichsein.

Zaz, seit Sie berühmt sind, werden Sie als neue Édith Piaf bezeichnet. Nervt Sie dieser Vergleich?
Nein, gar nicht. Er ist sehr schmeichelhaft. Piaf war eine grosse Sängerin, die auf der ganzen Welt bekannt war. Sie ist eine Ikone. Inspiriert haben mich jedoch nicht primär die französischen Musiker, sondern Weltmusik, lateinamerikanische Musik, wie die von Chucho Valdés oder Künstler wie Jimi Hendrix, Ella Fitzgerald und die Rapperin Lauryn Hill.

Sie haben als Sängerin einer Latin-Rockband und beim Pariser Cabaret «Aux Trois Mailletz» angefangen. Nun singen Sie jazzige Chansons. Sind Sie ein musikalisches Potpourri?
Alles, was ich probiert oder erlebt habe, beeinflusst mich. Jedes Lied, das ich gehört, und jeder Mensch, den ich getroffen habe, haben mich in irgendeiner Weise geprägt. Ich habe viele verschiedene Dinge ausprobiert und auch lange Strassenmusik gemacht. Sie ist immer noch ein grosser Teil von mir. Ich mag viele verschiedene Musikarten und könnte mich gar nicht ­festlegen. Wenn ich ein Lied schreibe, fokussiere ich mich auf den Rhythmus und den Text. Der Rest kommt von allein. Und der Stil bildet sich dann daraus. Da gibt es kein Konzept.

Für den Kinofilm «Hugo Cabret» von Martin Scorsese und den französischen Kinofilm «Belle et Sébastien» haben Sie je ein Lied beigesteuert. Was fasziniert Sie am Kino?
Die Geschichten, die Musik, die Bilder, die Emotionen, alles. Ich liebe das Kino, weil es einem ermöglicht, vollständig in eine Geschichte einzutauchen. Nirgends gibt es so viele Emotionen. Ich habe im Kino immer das Gefühl, selber im Film zu sein und diese Geschichte zu leben. Man ist dann völlig weg. Das regt einen zum Nachdenken an.

Wäre das Schauspiel ein möglicher Plan B?
Ich habe schon Angebote für Filme oder auch Theaterrollen bekommen. Namen nenne ich keine, aber es gab vieles, das mir gefallen hat. Leider hat bis jetzt nichts geklappt.

Woran liegt das?
Ich bin ein leidenschaftlicher Mensch. Wenn ich an etwas den leisesten Zweifel habe, dann mache ich es nicht. Ausserdem fehlt schlicht die Zeit für ein weiteres Projekt. Ich möchte mich in erster Linie auf die Musik konzentrieren.

Sie engagieren sich karitativ. Was treibt Sie an?
Der Wunsch, dass wir die Erde und unsere Mitmenschen mehr respektieren. Wenn meine Band und ich irgendwo ein Konzert haben, kontaktieren wir lokale Projekte und Organisationen, die sich karitativ engagieren. Sie erhalten dann einen Teil unserer Einnahmen. 2017 werden wir ein Netzwerk aus 100 solchen Kooperationen haben. Diesen Sommer organisieren mein Team und ich im französischen Département Drôme ein Festival, wo wir noch unbekannten Künstlern eine Plattform bieten. Ich mache das nicht, weil ich berühmt bin, sondern weil es mich glücklich macht.

Ihr aktuelles Album mit dem Titel «Sur la route» erschien am 30. Oktober 2015. Wann können Ihre Fans mit neuer Musik rechnen?
Bis September bin ich noch auf Tour. Für 2017 habe ich mir vorgenommen, eine kleine Auszeit zu nehmen. Aber ob ich das durchziehen kann, weiss ich nicht. Vielleicht treffe ich in diesem Jahr jemanden, der mich total inspiriert, oder entdecke etwas Spannendes. Dann würde ich natürlich wieder Musik schreiben. Planen kann man so etwas nicht.

Ihr drittes Studioalbum ist Paris gewidmet. Was ist typisch für diese Stadt? Können Sie dieses Lebensgefühl beschreiben?
Wir lieben es auszugehen und essen gerne gut. Wir sind leidenschaftlich, mögen schöne Dinge, Architektur und die Kunst und streiten uns auch. Wir schätzen die Meinungsfreiheit, das Zusammensein und die Poesie. Auf der anderen Seite gibt es in Paris die graue Realität von «Métro, boulot, dodo» – also «U-Bahn, Arbeit, Schlafen» – und das wiederholt sich jeden Tag. Es gibt in der Stadt viele Menschen, die nicht dazugehören. Für mich persönlich ist Paris ein Traum. Das Licht und die Häuser sind unvergleichlich. Eine Sekunde später nervt wieder der Verkehr. Wenn es regnet, ist Paris traurig, aber wenn die Sonne scheint, blüht die Stadt auf. Diese Gegensätze sind genial. Typisch Paris, ist genau dieses alles und nichts.

Nach den Pariser Terroranschlägen im letzten November, twitterten Sie: «Mir ist schlecht, aber niemals, niemals werden sie das Feuer meines Lichts auslöschen.» Wie geht es Ihnen, wenn Sie an diesen Tag zurückdenken?
Ich will nicht mehr an diesen Tag zurückdenken. Ich hatte keine Angst, aber an diesem Tag war ich unglaublich traurig. Es war ein Angriff auf die Menschen, auf die Freiheit, auf die Kunst. Umso mehr will ich intensiv leben, glücklich und frei sein.

Paris hat sehr viel mit Ihnen zu tun; Sie haben als Strassenmusikerin rund um den Montmartre angefangen. Heute stehen Sie auf den grossen Bühnen. Fehlt Ihnen die Intimität von damals?
Nein, die Bühnen, auf denen ich heute auftrete, sind einfach anders. Ich bin kein nostalgischer Mensch, sondern interessiere mich für neue Dinge und habe Lust, sie zu entdecken. Im Gegensatz zu früher habe ich meine Anonymität verloren, das stimmt. Auf der anderen Seite bekomme ich in so vielen Ländern grosse Zuneigung von meinen Fans. Das ist ein Geschenk.

Sie sind in der Schweiz und in Deutschland erfolgreich. Das schaffen nur wenige französischsprachige Künstler. Was machen Sie besser?
Ich weiss nicht, ob ich etwas besser mache, glaube aber, dass es in der Musik etwas gibt, das Sprachgrenzen aufhebt. Ich denke, ich vertrete etwas, das die Leute ­berührt – vielleicht dieses typisch Französische. Diese Anerkennung ehrt mich sehr. Ich kann durch die Welt reisen und in jedem Land ein neues, anderes Publikum kennenlernen. Das ist enorm bereichernd, und dafür bin ich sehr dankbar.

Über das Geheimnis Ihrer Stimme sagten Sie einmal «viel schlafen, viel rauchen, viel trinken». Leben Sie ein Rockstarleben?
(lacht) An diesen Satz kann ich mich nicht mehr erinnern. Nun, heute sieht mein ­ Leben etwas anders aus. Am 1. Mai, meinem ­Geburtstag, habe ich mit dem Trinken und Rauchen aufgehört. Ich bin ein exzessiver Mensch. Für mich gilt: Alles oder nichts. Dieser Entschluss war sozusagen mein Geburtstagsgeschenk an mich selbst, Sorge zu mir zu tragen.

Wie fühlt sich Erfolg an?
Erfolg ist etwas sehr Seltsames. Ich bin eigentlich nur Isabelle, die singt. Für die Fans bin ich Zaz, deren Identität von den Medien geformt wird. Für viele bist du wie ein lebendiges Bild, eine Projektionsfläche. Sie haben eine Meinung über dich. Das ist nicht immer einfach. Wenn man sich zu stark darauf konzentriert, was andere von einem halten, verliert man sich. Man muss für sich selbst leben.

Sind Sie glücklich?
An gewissen Tagen bin ich glücklich, an anderen Tagen nicht. Man kann Gefühle nicht in eine Schublade stecken. Wenn ich glücklich bin, dann manchmal ohne Grund. Wenn ich sehe, wie viel Elend es auf der Welt gibt, werde ich sehr traurig. Was ich aber sagen kann, ist: Erfolg zu haben bedeutet nicht unbedingt, auch glücklich zu sein. Was mich aber immer glücklich macht, ist ein Ausflug in die Berge.

(Publiziert im Migros-Magazin, Juni 2016)

About the author

Anne-Sophie Keller

Schweizer Journalistin.

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